DER FREIE ARZT -
Nr. 4/2000
Qualitätssicherung und Qualitätszirkel
In der Österreichischen Ärztekammer macht man sich Sorgen um die Qualität der Arbeit unserer niedergelassenen Ärzte.
Eine Sorge, über deren Grund an sich schon viel zu diskutieren wäre — oder besser nicht — je nach Gesichtspunkt...
Fest steht, dass im Umbruch des neuen Jahrtausends die Medizin in all ihren Fächern schon so spezialisiert wurde, dass es für einen niedergelassenen Arzt der Allgemeinmedizin — ja auch für jeden Facharzt schier unmögliche ist, in allen Details ständig "up to date" zu sein. Selbst in Subfächern überlegt man schon, diese noch weiter zu unterteilen, da auch hier die "Sub-Sub-Spezialisierung" wahrscheinlich die einzig mögliche Antwort auf die episch gewordenen Breite mancher Fächer darstellt (Beispiel: Internist — Gastroenterologe — Hepatologe — Endoskopiker — ERCPist — Funktionsdiagnostiker — enterologischer Molekularbiologe — Endosonographeur... etc.).
Die internationale Antwort auf dieses Dilemma ist jedoch schon gefunden und wird derzeit in allen Gremien national/europaweit/weltweit erarbeitet:
Zauberwort "guidelines" — Leitlinien, die in mühsamen Diskussionen aller Experten unter Mitarbeit von Allgemeinmedizinern erarbeitet werden, und die, in nächster Zukunft zumindest schon europaweit mit Gesetzescharakter etabliert sein werden.
Leitlinien, die nicht nur in der Ausbildung von Jungärzten die praktische Grundlage darstellen, und deren Einhaltung bei der Visitation aller Ausbildungsstätten (auch der Lehrpraxen) überprüft werden, sondern die auch die Grundlage jedes Kunstfehlerprozesses sein werden und genau die notwendigen diagnostischen Schritte sowie gestufte Therapie vorschreiben.
Vor diesem Hintergrund glaubt man in Österreich, andere Wege beschreiten zu können. Der Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte, Kollege Dr. Jörg Pruckner ("Vereinigung") erfindet das Rad neu.
Um die Qualität zu sichern, sollen im Jahr 2001 Qualitätszirkel flächendeckend in Österreich etabliert werden, die, bestehend aus 6 bis 10 Ärzten für Allgemeinmedizin ohne Einfluss von Außen im geschlossenen Kreis beschließen werden, was praktikable Qualität in ihrem Bezirk ist.
Ein Moderator dieses Zirkels wird autonom aus den eigenen Reihen ernannt; es wird auch nicht unbedingt geplant, zu diesen Treffen externe Vortragende beizuziehen. Nur am Rande ist vorgesehen, auch internationale Leitlinien "zu bearbeiten", auf ihre Bezirkstauglichkeit zu überprüfen und gegebenenfalls zu modifizieren (?!).
Ergebnis ist sicher ein interessantes und buntes Bild — Qualität in Lannach kann sich dann deutlich von Qualität in Murau oder Radkersburg unterscheiden — je nachdem, was gerade lokal als opportun angesehen wird. Und damit wird sich auch das diagnostische und therapeutische Procedere in den Bezirken bestenfalls ähneln.