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DER FREIE ARZT - Nr. 4/2000


 

Dr. Jörg Garzarolli, Obmann der AKTION FREIER ARZT, 2. Vizepräsident in der ÄK Steiermark

 

PFLICHTVERSICHERUNG VERSUS VERSICHERUNGSPFLICHT

 

Ein Thema, welches in letzter Zeit wieder aktualisiert wurde: soll es zu einem Ersatz des derzeitigen monopolistischen Systems der Pflichtversicherung über die Kassen durch eines der Versicherungspflicht über - auch - private Anbieter kommen?

Ist eine solche Lösung wirklich erstrebenswert?

Das derzeitige System ist einkommensorientiert finanziert, die Leistungen erfolgen unabhängig von Alter, Geschlecht, Gesundsein oder chronisch Kranksein – eine klassische Solidarleistung ohne Möglichkeit der Ablehnung von irgendwelchen Risikogruppen.

Private Versicherer sind im Gegensatz dazu primär gewinnorientiert, betreiben ein aufwendiges Marketing und Vertriebssystem, das finanziert sein will. Sie können sich die Zielgruppen selbst aussuchen, da die Prämien einzig nach den Aspekten Alter und Risiko berechnet werden:

Worst case – Szenario: Junge, Männliche, Alleinstehende und gut Verdienende werden mit offenen Armen aufgenommen – Ältere, Weibliche, chronisch Kranke, Risikogruppen Angehörende, schlechter Verdienende fallen durch den Rost oder können sich die Prämien wirklich nicht leisten.

Wer glaubt, bei Bedarf das System jederzeit wechseln zu können sei belehrt: in der BRD z.B. ist seit 1.Juli 2000 ein Wechsel nicht mehr möglich: einmal privat – immer privat versichert!

Mitten drinnen dann auch noch die Ärzteschaft, welche sich mit unzähligen Versicherungssystemen und Honorarordnungen herumschlagen müsste. Oder gar Kopieren des amerikanischen System, wo sich die einzelnen Versicherer "ihre" Ärzte aussuchen, nachdem die Tarife vorher gehörig gedumpt wurden?

Wollen, ja dürfen wir Ärzte uns für einen solchen Systemwechsel wirklich stark machen? Wäre eine Reform des Krankenversicherungssystems in Form der Öffnung zum freien Wettbewerb wirklich das richtige Rezept?

Die Alternative zum Ist-Zustand könnte anders aussehen:

* Zusammenlegen der Kleinstkassen unter einen einzigen Verwaltungsapparat - wir leisten uns derzeit 28 Krankenkassen ( Schmankerl: in Vorarlberg gibt es acht (!) Versicherte der BKK Tabakwerke )

* Entpolitisierung der Führung und fachlich-professionelles betriebswirtschaftliches und medizinisches Management ohne Gewerkschaftsfunktionäre u.ä.

* Großzügiger Abbau der Bürokratie, Abschlanken der internen Strukturen und Rationalisierung der Verwaltungsabläufe

* Rückführung der Tätigkeit der Sozialversicherung auf ihre Ur-aufgabe: Verwaltung der Beiträge ihrer Mitglieder und Sorge für flächendeckende beste medizinische Versorgung über ihre Vertragspartner – Krankenanstalten und Niedergelassene

* Privatisierung der derzeitigen Ambulatorien in Form von Gruppenpraxen

Sollten alle diese Maßnahmen zur Konsolidierung und Sicherung für die Zukunft nicht ausreichen ( Problem der immer aufwendigeren Medizin und Altersstruktur der Bevölkerung ), müßte die Sozialversicherung zum Bekenntnis stehen, daß sie "Alles für Alle" nicht mehr finanzieren kann: die Versorgung sozial schwacher Schichten und chronisch Kranker wird generell übernommen, ja nach Einkommenssituation ansteigend wird eine Selbstbeteiligung der Patienten erfolgen müssen. Hier könnten dann die Privatversicherer einsteigen: zur Abdeckung dieser Selbstbehalte wären Versicherungspakete auszuarbeiten und anzubieten. Erste vergleichbare Ansätze dazu gibt es ja schon.

Es ist nicht alles Gold, was vielleicht auf den ersten Blick glänzt: ehe man sich in eine Lösung verrennt, die wo anders schon allergrößte Probleme aufwirft - ganz besonders auf dem Rücken der Patienten - sollte man möglichst emotionslos nach der wirklich besten Lösung für alle Betroffenen suchen.