DER FREIE ARZT - Nr. 2/2004
Dr. Wolfgang Florian
Dr. Michael Holzer
Gesundheitsagenturen – Kriegserklärung an Ärzte ?
Das Gesundheitssystem in Österreich ist nicht schlecht – darüber sind sich alle einig.
Die Lebenserwartung der Österreicher ist im internationalen Vergleich sehr hoch - das ist unbestritten.
Gemessen am BIP beteiligt sich der Staat an den Gesundheitskosten nur unterdurchschnittlich, das heißt, wir betreiben ein sehr günstiges Gesundheitssystem.
... und trotz all dieser unbestrittenen Tatsachen soll "jetzt endlich" eine tiefgreifende Gesundheitsreform umgesetzt werden.
Aber, heißt "Reform" nicht, dass ein unerträglich schlechter Zustand, ein völlig marodes System dringend erneuert, "reformiert" werden muss ?
Was ist eigentlich das Schlechte oder Marode an unserem österreichischen Gesundheitssystem ?
Sind es wirklich nur die 2 %, die gemessen an den Gesamtkosten des Gesundheitssystems, bei der Finanzierung fehlen - ein fast lächerliches Defizit gegenüber anderen staatlichen Bereichen – der ( vormals ) staatlichen Stahlindustrie, dem Finanzbedarf der Luftwaffe, dem Defizit des Pensionssystems, dem Defizit der Länder und vieler Gemeinden, ... ?
Muss man, um ein Defizit von 2 % abzudecken, gleich das gesamte organisch gewachsene, und im internationalen Vergleich beneidete Gesundheitssystem in toto zerstören – als wolle man das Kind mit dem Bade ausgießen ?
Würden nicht kleine Umschichtungen "zweckgebundener", aber derzeit anderweitig "veruntreuter" Steuern, kleinste Selbstbehalte für Besserverdiener, und eine leichte Anhebung der Höchstbemessungsgrundlage, sowie eine Verbesserung der Befundübermittlung mit Leichtigkeit diese 2 % hereinspielen ?
Oder könnte mit der Reduktion der Mehrwertsteuer auf Medikamente, die derzeit in Österreich weltweit am höchsten ist und nur über Umwege dem Finanzminister ein Körberlgeld beschert, auch das Auslangen gefunden werden ? Wird doch damit nur das 2%ige Defizit künstlich am Leben erhalten.
Gesundheitsagenturen nach dem Plan der ÖVP bedeutet, dass pro Bundesland / Region nur mehr ein zentralistischer Einkäufer ( = die Landesagentur ) Medizin ordert; frei nach seinen wirtschaftlichen Vorgaben, und ohne Rücksicht, woher er sie gerade am billigsten lukrieren kann – im niedergelassenen Bereich, von Spitalsambulanzen, von Ambulatorien oder Instituten.
Und in diesen Agenturen sollen "natürlich" Ärzte keine Vertretung oder Stimmrecht haben, sie könnten ja Qualitätsansprüche stellen.
Gesamtverträge mit "Kassenärzten" wären mit einem Schlag aufgelöst, die Kassenambulatorien ausgegliedert, alle Spitäler voll privatisiert, und der freie Preiskampf unter den Medizinanbietern nach dem Vorbild des Handels wäre eröffnet.
Vorbei, die freie Arztwahl ( bis auf reine Privatpatienten ohne Rückerstattung ) !
Vorüber die gute alte Zeit eines in vielen Jahren erarbeitetes Vertrauensverhältnisses zwischen Arzt und Patient. Jetzt schickt die Agentur den Patienten zum Billigstanbieter.
Vergangenheit jedweder regionale Bezug ( Billig-Kataraktoperationen in Deutschland, Billig-Zahnbehandlung in Ungarn, die Kur in Tschechien, und das neue Hüftgelenk aus Tirol, Discont-Ergometrien in Kärnten und die Günstig-Mammographie in Holland , ... ) – alles ist möglich – österreichweit – EU-weit – weltweit ?!
Eine vollständige Verstaatlichung des Gesundheitssystems wäre die Folge, mit dem alleinigen Ziel höherer Wirtschaftlichkeit ohne Rücksicht auf Patientenwünsche und ohne jedwede Qualitätsansprüche; nur der Preis muss stimmen.
Oder sind vielleicht ganz andere, profane politische Hintergründe Väter des Gedankens " Gesundheitsreform der ÖVP " ?
"Entmachtung" der SPÖ-Hochburgen, den GKK’s mitttels kalter Enteignung der Ambulatorien, Spitäler und Rehabstationen ?
Vernichtung der unbeugsamen eigenständigen Kammern, wie den Ärztekammern, den Apothekerkammern, - ein Kniefall vor der Wirtschaft, mittels Opferung des Sozialsystems ?
Müssen wirklich alle, Patienten, Ärzte, Therapeuten, Pflegedienste aus einem gut funktionierenden System geworfen werden, um parteipolitische Interessen umzusetzen ?
Oder werden wir uns wehren – wir Ärztinnen und Ärzte – als Anwälte unserer Patienten – und nehmen diese klare Kriegserklärung der derzeitigen Regierung zum Anlass zum Marsch gegen Wien ?
--> Gegen eine Zerstörung des Gesundheitssystems
--> Für die Beibehaltung des Sozialstaates, gerade bei der Gesundheit
--> Für eine gesunde Zukunft für unsere Senioren und unsere Kinder