DER FREIE ARZT - Nr. 3/2004
Dr. Eiko Meister,
Obmann der Sektion Turnusärzte, Ärztekammer für Steiermark
Tod am Krankenbett - Die Auswirkungen der Pensionsreform 2004 und anderer Sozialsystemdestruktionspläne
4.15 Uhr. Notalarm. Der mittlerweile am Ende seines
fünfundvierzigsten Berufsjahres stehende Arzt für Innere Medizin und
Intensivmedizin versucht seine Augen aufzubekommen. Nicht einmal zwei Stunden
kurz geruht seit dem letzten Einsatz. Jetzt mit schmerzenden Hüften –immerhin ist der
Kollege mittlerweile 69 Jahre alt - vier Stockwerke tiefer in die Notfallaufnahme. Zum Glück gibt es Extralifte für
Notfälle. Im Lift über den Minicomputer Abfragen der Telemetriedaten und der
Vitalparameter aus dem Schockraum. Gleichzeitig Abfrage der Kapazitäten auf den
voll digitalisierten Intensivstationen.
Endlich beim Patienten angekommen fühlt sich unser
Intensivmediziner selbst nicht mehr wohl. Dyspnoe und Schwindel beeinträchtigt
sein Urteilsvermögen. Gleichzeitig defibrilliert der Vollautomat den
Schockraumpatienten zum dritten mal. Aus der Ferne
hört unser Kollege noch „Atemstillstand“, dann Filmriss.
Der Patient überlebt - der Arzt nicht. Kammerflimmern im Schockraum. Nur leider gab es
nur einen Defibrillator, einen Intensivmediziner und sonst keinen weiteren Kollegen
mehr, der zur Verfügung gestanden wäre. Durch Automatisierung wurde das
ärztliche Personal auf 25% des Standes von 2004 heruntergefahren.
Der Beruf ist durch schlechte Bezahlung und weitere
Degressionen in der Altersversorgung unattraktiv geworden. Arbeitszeitbeschränkungen
für Ärzte gibt es nicht mehr, weil es keine Ärzte mehr gibt.
Ein Horrorszenario, oder das Script für ein Remake
von Emergency Room anno 2035?
Oder doch eher das
Ergebnis der Einschnitte im Sozial- und Gesundheitswesen der Bundesregierung
von 2004?
Wenn die derzeit (noch amtierende und agierende)
Bundesregierung ihre Vorhaben umsetzt, werden sinnvolle
Arbeitszeitbeschränkungen mit Füssen getreten, die Wirtschaft diktiert
die medizinische Versorgung und die medizinischen Versorger = Ärzte,
Schwestern und alle weiteren Berufe im Gesundheitswesen werden dafür bestraft,
diesen Beruf gewählt zu haben.
Insbesondere die Ärzte und wieder einmal die
Jüngsten im System, die Ärzte am Beginn ihrer Ausbildung, werden diese
Suppe auszulöffeln haben, die uns Rauch-Kallat, Bartenstein, Leitl und Schüssel
einbrocken wollen. Keine Berücksichtigung der Ausbildungszeit in der
Gesamtberechnung der Pensionsansprüche, ebenso nicht die Nachtdienste.
Es ist ja ein selbst gewollter Sport der Spitalsärzte Nachtdienste zu schieben.
Bekanntermaßen derzeit nur noch sechs, dort, wo es eng wird auch mit
entsprechenden Sondervereinbarungen durchaus noch acht pro Monat.
Was rechnerisch nur für die reinen Nachtzeiten 72
bis 96 Stunden pro Monat ergibt, die im Krankenhaus zu verbringen sind. Das
sind bis zu 2,4 Arbeitswochen pro Monat Mehrbelastung, die absolut keine
Anerkennung findet.
Bei den Exekutivbeamten aber schon. Da gilt der
Faktor 1,25 pauschal für ein Arbeitsjahr.
Nicht dass die Exekutive nicht wichtig wäre, aber
ohne Ärzte geht im Gesundheitswesen, will man selbiges noch als solches
bezeichnen absolut nichts!
Und dass wir dann
wieder dazuzahlen dürfen, nur weil wir einen Dienst an der Öffentlichkeit
vollbringen ist auf gut Steirisch eine „Faustwatsch´n“ ins Gesicht.
Unter dem Deckmantel eines Neoliberalismus kehren
wir tief ins 18. Jahrhundert zurück, wo die Hochfinanz den Rest der Bevölkerung
ausbeutet und abzockt.
So kann man mit uns nicht umspringen!
Das müssen wir den Damen und Herren
klar machen. Und wenn Gespräche nichts nützen, werden Taten folgen müssen.
Nicht nur von Kammerfunktionären, sondern von der gesamten Ärzteschaft. Vom
Turnusarzt, über alle Niedergelassen, alle Spitalsärzte und auch die Zahnärzte
werden sich wehren müssen!
Diese Chance darf nicht durch
irgendwelche Eitelkeiten vertan werden! Jetzt muss die Ärzteschaft
Einigkeit zeigen! Die Funktionäre der AKTION FREIER ARZT sind dazu bereit an
vorderster Front zu gehen. Aber alleine werden wir überrollt.
Rüsten wir uns für einen heißen Herbst!