DER FREIE ARZT - Nr. 4/2006
Feder statt Skalpell ?
Bürokratiewahn im Spital
Nicht nur niedergelassene Ärzte haben Grund zum Stöhnen, auch die Spitalsärzte ersticken beinahe schon an einer überbordenden Bürokratie. Ständig neue Auflagen wie exzessive Dokumentation, Ausfüllen von Formularen, Einverständniserklärungen und dergleichen mehr belasten den Spitalsalltag der Kolleginnen und Kollegen. Die Zeit am Patienten ist knapp bemessen, die Verantwortung dafür jedoch hoch. Zuständige Mitarbeiter des Verwaltungsapparates fühlen sich mittlerweile als die wichtigsten Säulen eines Krankenhausbetriebes – zur Qualität der Patientenbetreuung tragen sie jedoch nichts bei. Neueinführungen auf Büroebene werden als unabdingbar und zudem auch noch als ausbaunotwendig dargestellt. Am meisten leidtragend sind Turnusärzte und Stationsärzte, die 50 % und mehr ihrer Zeit am Schreibtisch und am Telefon verbringen müssen. Viele dieser Mehrbelastungen haben eine gesetzliche Basis, ein erheblicher Teil ist in diversen Häusern jedoch hausgemacht.
Die Kurienführung der angestellten Ärzte in der Ärztekammer für Steiermark hat ihr Augenmerk in der Vergangenheit auf die Einführung eines neuen Gehaltsschemas gelegt. Dies war richtig und auch notwendig. Die Bekämpfung der überbordenden Bürokratie wurde vernachlässigt, ein eilig einberufener Bürokratiegipfel beim Landesrat mit ungewisser Dauer und Ausgang wird keine rasche Abhilfe bringen.
Der Bürokratiewahn spielt sich vor dem Hintergrund einer zum Teil erheblichen ärztlichen Personalknappheit vor allem in den peripheren Krankenanstalten. Urlaube und Krankenstände führen zu einer enorm angespannten ärztlichen Personalsituation. Die zunehmend kürzere Aufenthaltsdauer der Patienten und die damit einhergehende hohe Fluktuation haben in den letzten Jahren die Situation zusätzlich verschärft..
Medien interessieren sich in einem immer höheren Ausmaß für die Arbeitsbelastung. Nicht dem Spitalserhalter, sondern meist den Kolleginnen und Kollegen wird medial der Vorwurf der Übermüdung und Überbelastung gemacht. Die damit verbundene höhere Gefahr einer Fehlleistung weckt in den Medien die Hoffnung auf neue Headlines. Am Ende bleibt dann eine Verunsicherung der Patienten.
Eine der wichtigsten Aufgaben der neuen Kurienführung der angestellten Ärzte nach den Kammerwahlen im März wird es also sein müssen, das Bürokratiemonster wieder in seinen Käfig zurückzubefördern und für eine ausgewogene ärztliche Personalsituation zu sorgen.
Die Lebensqualität der Spitalsärztinnen und Spitalsärzte muss wieder auf ein entsprechendes Niveau zurückgeführt werden, damit die Freude am Beruf nicht verloren geht.
„Wir für uns“ muss die Parole lauten.