DER FREIE ARZT - Nr. 3/2009
Wozu Ärztekammer?
In jungen Jahren vielleicht häufiger, mit dem Alter eher seltener stellt sich wohl jeder unserer Kolleginnen und Kollegen diese Frage. Brauchen wir eine Kammer zu unserer Standesvertretung überhaupt? Manche, die in den vergangenen Jahren streiknahe Situationen mit der Politik miterlebt haben, die vielleicht selber auf Österreichs Strassen für den Erhalt unseres Gesundheitssystems mitmarschiert sind, werden eher leise darüber nachdenken. Zweifelsohne ist es notwendig, eine geschlossene Interessensgruppe darzustellen, wenn es darum geht Dinge um- oder durchzusetzen. Ein Einzelkämpfer wäre unfähig, die Landes- oder Bundespolitik nachhaltig zu beeinflussen. Doch das gilt ja nur in Zeiten des Konflikts. Die Ärztekammer stellt aber gerade in den Zeiten zwischen echten Konflikten die einzige Möglichkeit dar, zukünftige Entwicklungen des Gesundheitssystems positiv zu beeinflussen. So wird auch 2009 ein wahres Gebirge an Themenkomplexen bearbeitet, auch wenn der einzelne Arzt im täglichen Leben wenig davon wahrnimmt.
Dank der weisen Voraussicht der Kurienführung der niedergelassenen Ärzte unter J. Garzarolli und N. Meindl wurde knapp vor Eintreten der Weltwirtschaftskrise mit einem 3-Jahresvertrag mit der GKK ein ruhiges „Durchtauchen“ durch düstere Wirtschaftszeiten für unsere Ärzteschaft gesichert, wofür uns andere Länderkammern beneiden. So „nebenbei“ wurde mit dem freiwilligen, bezahlten Bereitschaftsdienst unter der Woche ein echter Meilenstein in der Versorgung unserer Patientinnen und Patienten in der Steiermark etabliert, für dessen Zustandekommen nicht nur dem unermüdliche Einsatz des Kurienobmannes bei diversen Verhandlungen und Vorgesprächen, sondern ganz besonders den unzähligen dienstbereiten Kolleginnen und Kollegen zu danken ist.
Wenn die Zeiten sich ändern, wird es aber auch notwendig sein, das medizinische Angebot an die geänderten Anforderungen der heutigen Zeit zu adaptieren. Dabei drängen überbordende Ambulanzzahlen, die allen Spitalsbetreibern zunehmende Defizite bescheren zur raschen Abhilfe. Wenn gleichzeitig manche Krankenanstaltenbetreiber damit liebäugeln, durch Leistungserbringung aus dem Kassenbereich neue Geldquellen zu erschließen, „brennt der Hut“, um es auf steirisch auszudrücken. Hier kann es nur eine Antwort geben: wenn niedergelassene Strukturen dieselben Leistungen ohne Verluste erbringen können, die als Ambulanzen Defizite bedeuten, muss die Ärzteschaft selbst eine Übernahme dieser Geschäftsfelder anstreben. Aus diesem Grund wurde in der Ärztekammer eine Konzeptgruppe zur Erarbeitung neuer Kooperationsmodelle von Ärzten gegründet, die seit Monaten an möglichen Projekten arbeitet. Voraussetzung dafür wird die neue „Ärzte-GesmbH“ sein, die angestellten und niedergelassenen Ärzten ermöglichen soll enger, koordinierter und effizienter zusammenzuarbeiten, um ein breiteres Angebot auch in sogenannten Randzeiten zu erbringen, und die Spitalsambulanzen nachhaltig zu entlasten, oder teilweise sogar zu ersetzen. Dass solche Umstellungen behutsam ausgearbeitet, und bis ins Detail in ihren Auswirkungen durchdacht werden müssen, versteht sich von selbst.
Ein weiteres Großprojekt ist der Wohlfahrtsfonds der Ärztekammer unter dem Vorsitz von Th. Kainz. In Zeiten, in denen die österreichische Jugend fast geschlossen nicht mehr an die Sicherheit ihrer staatlichen Pension glaubt – soziale Unsicherheit für viele schon das größte Bedrohungsrisiko darstellt, wird unser berufsinterner Wohlfahrtsfonds immer wichtiger. Umso vorsichtiger müssen wir daher darangehen, dieses Werk, das nicht nur unsere Pensionen sicherstellen soll, sondern auch als Risikoabsicherung bei Witwen- und Waisenpensionen, Krankengeld, Kurbeihilfe, Bestattungsgeld und Notstandsunterstützung für alle Ärztinnen und Ärzten eingerichtet wurde, auch für die Zukunft zu garantieren. Dass dabei die bestehende Altersstruktur der Ärzteschaft, die zu erwartenden zukünftigen Pensionäre, die Gewinnerwartung aus dem Vermögen und die zukünftige Einkommensstruktur der aktiven Ärzte mitberücksichtigt werden müssen, ist einsichtig, wenn auch sehr komplex. Auch dafür wurde eine Arbeitsgruppe in der Kammer eingerichtet, um für die entscheidungstragenden Gremien Vorarbeit zu leisten.
Ein weiteres Großkapitel ist die Qualitätssicherung in der Ausbildung, die durch Visitationen aller Ausbildungsstätten, Umsetzung des Rotationskonzeptes, um einzelne Ausbildungslücken zu schließen und stetige Adaptierung an moderne Zielsetzungen der Ausbildung ein riesiges Arbeitsgebiet für E. Meister als Ausbildungsreferent darstellt. Die genannte Aufzählung einiger Aufgaben der Funktionäre der Ärztekammer ist bewusst unvollständig, soll aber nur dazu führen, an die Frage im Titel differenzierter heranzugehen. Meine eigene Hauptaufgabe als Vizepräsident, außer aktiver Mitarbeit in diversen Gremien, Arbeitsgruppen und Referaten sehe ich aber in der kurienübergreifenden Sicht, um wenigstens Reibungspunkte zwischen Ärztegruppen zu vermeiden.
Nur wenn alle Ärztinnen und Ärzte solidarisch an einem Strang ziehen und sich bemühen, auch die Ansicht des Anderen zu respektieren, kann dazu führen, dass niemand mehr fragt: „Wozu Ärztekammer“