DER FREIE ARZT - Nr. 1/2010
Damoklesschwert Ökonomie
Vertraglich schon immer fixiert war die Verpflichtung zu ökonomischer Behandlungsweise – „das Maß des Notwendigen nicht überschreitend“, wie es dort heißt.
Unter dem Mäntelchen des Sparzwanges dient „Ökonomie“ nun als Vorwand für (fast) alle Regelungsmaßnahmen.
Dabei wird unverrückbar die Meinung vertreten, daß wir behandelnde Ärztinnen und Ärzte alleine die „Kostenverursacher“ sind.
Das ist schlechtweg falsch: wir befinden uns in einem allgemeinen sozialen Umbruch und das Verhalten der Patienten hat sich nachhaltig geändert. Der Fortschritt der Medizin und die demografische Entwicklung sind entscheidende Faktoren: Krankheiten werden früher erkannt und werden somit intensiver und oft auch länger behandelt, es gibt immer mehr Diagnose- und Therapiemöglichkeiten. Nicht zu vergessen ist auch die zunehmende forensische Absicherung und der Bettenabbau. Dazu noch die gesetzliche Verpflichtung zur Aufklärung über Behandlungsmöglichkeiten und eine Reihe von Qualitätsvorgaben. Und wer kämpft nicht zunehmend mit dem „Google-Wissen“ der heutigen Generation?
Somit steht der Behandler / die Behandlerin in einem enormen Spannungsfeld verschiedenster Zwänge, ganz abgesehen von der persönlichen Behandlungsfreiheit.
Gegen einen gezielten und bewußten Einsatz der Ressourcen wird sich kein Vernünftiger wehren. Aber die Ärztinnen und Ärzte unter dem Vorwand „Ökonomie“ unter stetig steigenden Druck zu setzen, ist eine strikt abzulehnende, weil falsche, Vorgangsweise.
Die Beurteilung eines „braven“ oder „bösen“ Arztes/einer Ärztin nach statistischen Durchschnittswerten ist ein letaler Weg: das Niveau wird Schritt für Schritt nach unten gedrückt.
Besonders kritisch wird es dann, wenn die Notwendigkeit / Sinnhaftigkeit des Einsatzes von Diagnose- und Therapiemöglichkeiten an wackelige angeblich wissenschaftliche Vorgaben geknüpft werden.
EBM – Vorgaben können bestenfalls als Richtschnur gesehen werden, die menschliche Individualität erfordert aber immer wieder auch individuelles Vorgehen.
Die vom Hauptverband ins Auge gefasste Verknüpfung einer Neuordnung des Kündigungsschutzes von Vertragsärzten durch Vorgabe von Benchmarks die Ökonomie betreffend wäre der Niedergang einer qualitätsvollen Patientenversorgung bzw. eine unakzeptable Knebelung der Ärzteschaft.
Wenn die Politik absolut nicht willens ist, mehr Geld in das System zu leiten, werden sich die sozialen Krankenversicherungen von ihrem Leitgedanken „Alles für Jeden gratis“ verabschieden müssen – oder das derzeit noch Herzeige-System wird selbst zum Behandlungsfall werden. Wenn als Hauptgrund neben den Kosten immer wieder die verminderten Einnahmen genannt werden, ist eine größere Finanzspritze analog der Bankensanierung unausweichlich. Auf der Strecke werden ansonsten jedenfalls die Patienten bleiben – und wir werden uns überlegen müssen, ob das derzeitige Kassensystem für uns noch lebbar und attraktiv ist.